Zukunft des Radios

Von Dr. Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI)

Dass die Art und Weise, wie wir Musik hören, sich in hohem Tempo verändert, diesen Eindruck haben zur Zeit die meisten Menschen, von den Künstlerinnen und Künstlern über die Musikfirmen bis zu den Nutzerinnen und Nutzern. Doch was sagen aktuelle Zahlen zum Musikkonsum, wo steht "das Radio"?

Der "Music Consumer Insight Report"✶1 unseres Dachverbandes IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) untersucht einmal im Jahr das Nutzungsverhalten in den weltweit wichtigsten Musikmärkten. 2018 sind dafür Menschen in 18 Ländern✶2 befragt worden. Jeder Einzelne hört im Durchschnitt 17,8 Stunden Musik pro Woche über alle Nutzungsformate hinweg. Was angesichts der in fast allen untersuchten Märkten hohen Wachstumsraten des Audio-Streamings für manche eine gewisse Überraschung ist: Die Reichweite des Radios bleibt stabil. Die Zahl der Befragten, die angeben, Musik über das Radio zu hören, liegt mit 86 Prozent auf gleicher Höhe wie die Zahl derer, die Audio- und Video-Streaming-Dienste zum Musikhören nutzen. Deutschland liegt hier mit 93 Prozent sogar noch darüber, was BVMI-eigene Untersuchungen der Vergangenheit bestätigen. Nur in Polen und Südafrika (jeweils 94 %) ist der Radiokonsum höher, in Frankreich (92 %) und den USA (91 %) immerhin ähnlich hoch wie in Deutschland. In absoluter Zeit ausgedrückt entfallen weltweit 4,4 Stunden pro Woche auf Musikkonsum über das Radio.✶3

Musikkonsum über das Radio in Deutschland vor YouTube und Premium-Audio-Streaming

Entsprechend erreichte das Radio in Deutschland auch mit Blick auf die Nutzungsformate und -kanäle, auf die sich die mit Musikhören zugebrachten Stunden verteilen, IFPI-Daten zufolge klar den Spitzenplatz: 43 Prozent der Zeit entfielen in einer typischen Woche auf den Rundfunk (s. Abbildung 1)✶4. Dieser Wert umfasst beides, terrestrisches Radio und die Internetnutzung von Radioprogrammen. Auf Platz 2 folgten gekaufte Tonträger (17 %), Platz 3 nahm der Musikkonsum über YouTube (12,1 %) ein. Erst auf Platz 4 fanden sich mit 11,9 Prozent die Bezahl-Abos der Audio-Streaming-Dienste. Die werbefinanzierten Audio-Streaming-Angebote kamen auf 4,6 Prozent.

So hoch allerdings der Zeitanteil des Radios insgesamt ist, es darf nicht vergessen werden, dass die Bedeutung des linearen Radios von Generation zu Generation abnimmt (s. Abbildung 2). Lag der Zeitanteil 2018 bei den 55- bis 64-Jährigen bei 60 Prozent, war er bei den 25- bis 34-Jährigen mit 32 Prozent nur noch halb, bei den 15- bis 34-Jährigen nur noch ein Viertel so groß (15 %). Zwar fand die JIM-Studie 2018 hinsichtlich der Mediennutzung deutscher Jugendlicher (12 bis 19 Jahre) heraus, dass knapp die Hälfte der 1.200 Befragten täglich Radio hört✶5, dies allerdings mit 76 Prozent vor allem im Auto, was vermuten lässt, dass es sich hier nicht unbedingt um eine gezielte Nutzung handelt. Wichtiger sind die Nutzung von Smartphone (94 %), Internet (91 %) und Musik (84 %). Online-Videos folgen dann mit 65 Prozent. Valerie Weber zufolge, der Hörfunkdirektorin des WDR, hat sich bei den Jungen die Verweildauer bei 1Live deutlich verkürzt, Mitte 2018 lag sie bei 125 Minuten (Montag bis Sonntag) "für das erfolgreichste Jugendangebot in Deutschland", das sei wenig.✶6

Profilierung des Radios durch stärkere Abgrenzung vom Angebot der Streaming-Dienste und Fokus auf lokalen Content?

Menschen aller Altersgruppen mögen und nutzen das Radio. Das belegen die verschiedensten Studien. Doch vor allem für Jüngere scheint es eher als "Nebenbei-Medium" (Auto) eine Rolle zu spielen.

Das Radio könnte jedoch zum Beispiel dadurch punkten, dass es sich auch für Jüngere (wieder) stärker als Quelle und Partner für lokale und regionale lnhalte und Themen profiliert, mit denen sich die Hörerinnen und Hörer entsprechend stärker identifizieren können. Dieser Fokus könnte im Bereich Musik zumindest auch auf deutschsprachigem Repertoire liegen. Hier sollten die Radiowellen weniger mit den Streaming-Diensten wetteifern, die internationales Repertoire in einem globalen Wettbewerb bieten. Denn der Blick in die von GfK Entertainment im Auftrag des BVMI ermittelten Offiziellen Deutschen Charts zeigt: Während deutschsprachige Alben in den Album-Charts 2018 ein weiteres Rekordhoch erreichten (9 der Top 10)✶7 und unter den 100 erfolgreichsten Singles des Jahres erstmals seit 2006 wieder mehr in Deutschland produzierte als internationale Titel zu finden waren✶8, befand sich in den von MusicTrace im Auftrag des BVMI ermittelten Airplay-Charts im vergangenen Jahr kein deutschsprachiger Titel unter den zehn meistgespielten Songs.✶9 Höchstplatzierter deutscher Song war "Je ne parle pas fran├žais" von Namika auf Platz 16. Dominiert wurde das Radio auch 2018 entsprechend von internationalen Titeln.✶10

Die Anteile deutschsprachiger Titel im Radio, die sich in den Offiziellen Deutschen Airplay-Charts widerspiegeln, sind seit Jahren niedrig. Das wirft die Frage auf, warum Musikplaner im Hörfunk dem Domestic Repertoire keine größere Chance geben. Hinsichtlich ihrer zukünftigen Ausrichtung könnten Radiosender beispielsweise erwägen, deutschsprachige Künstlerinnen und Künstler stärker zu platzieren und sich dadurch ein neues eigenständiges Profil verschaffen. Eines jedenfalls ist sicher in Zeiten, in denen Musik, von Vinyl bis zur Cloud, so präsent ist: Es bleibt spannend!

Zur Person

Florian Drücke studierte Rechtswissenschaften in Berlin und Toulon und schloss in Frankreich sein rechtswissenschaftliches Studium mit der Ma├«trise ab. 2004 wurde er mit einer wettbewerbsrechtlichen rechtsvergleichenden Dissertation an der Universität Greifswald promoviert. Nach Referendariatsstationen unter anderem bei der Berliner Senatskanzlei, einer Rechtsanwaltskanzlei in Aix-en-Provence und einer internationalen Medienkanzlei wurde der Rechtsanwalt im Januar 2006 Justiziar beim Bundesverband Musikindustrie e. V. (BVMI). Dort übernahm er 2008 als Leiter Recht & Politik die Verantwortung für die Rechtsabteilung und das politische Lobbying. Seit dem 1. November 2010 ist er Geschäftsführer des BVMI, im November 2017 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden gewählt und vertritt den Verband seitdem auch auf internationaler Ebene im Mainboard des globalen Dachverbandes IFPI sowie als Gesellschaftervertreter und Mitglied des Aufsichtsgremiums bei der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL).
Florian Drücke wird regelmäßig als Sachverständiger in Ausschüsse des Deutschen Bundestages und des Europäischen Parlaments eingeladen und ist als solcher bereits vor dem Bundesverfassungsgericht in Erscheinung getreten. Er ist Autor zahlreicher Fachbeiträge und -artikel in deutschen Medien sowie Mitherausgeber des Standardwerks "Handbuch der Musikwirtschaft", C.H. Beck 2018, und Co-Autor des Grundlagenwerks "Musik, Recht und Verträge", Verlag Medien und Recht 2012. Darüber hinaus ist er seit vielen Jahren aktiv in die zentralen Themen und Debatten der Digitalisierung involviert.
Er ist u.a. Mitglied des Verwaltungsrates der Deutschen Nationalbibliothek, des Fachbeirats der Popakademie Baden-Württemberg und im Bundesfachausschuss Musikwirtschaft des Deutschen Musikrates. Im Mai 2016 wurde er in den Deutsch-Französischen Kulturrat berufen, seit Januar 2018 ist er dessen Ko-Präsident. Darüber hinaus ist er Mitglied im "Global Future Council on Information and Entertainment" des World Economic Forum.
Florian Drücke wurde am 8. März 1975 in Heidelberg geboren, ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Berlin.

1 Music Consumer Insight Report 2018, London, IFPI (durchgeführt von AudienceNet im Auftrag der IFPI), https://ifpi.org/downloads/Music-Consumer-Insight-Report-2018.pdf

2 Ebd. Die Untersuchung wurde innerhalb einer demografisch repräsentativen Stichprobe der Onlinebevölkerung zwischen 16 und 64 Jahren in den folgenden 18 Ländern durchgeführt: Argentinien, Australien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Niederlande, Polen, Russland, Schweden, Spanien, Südafrika, Südkorea, UK und USA. Für jedes Land wurde eine jeweils repräsentative Quotenstichprobe von 1.000 bis 2.000 Befragten in Übereinstimmung mit der jeweiligen Größe der Onlinebevölkerung und der demografischen Struktur entsprechend dem jüngsten Zensus zusammengestellt.

3 Ebd., S. 13

4 IFPI Music Consumer Study 2018; Grafik für Deutschland erstmals veröffentlicht im Jahrbuch des BVMI, "Musikindustrie in Zahlen 2018", S. 25.

5 JIM-Studie 2018. Jugend, Information, Medien – Basisuntersuchung zur Mediennutzung 12- bis 19-Jähriger, S. 13, online unter https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2018/Studie/JIM_2018_Gesamt.pdf

6 Valerie Weber: "Ein Programm muss sich der Lebenswirklichkeit seiner Hörer anpassen, nicht die Hörer dem Programm", , 13. Juli 2018

7 "Musikindustrie in Zahlen 2018", S. 41 ff.

8 Ebd.

9 Ebd., S. 47

10 Ebd; an der Spitze der Offiziellen Deutschen Airplay-Charts lagen David Guetta und Sia ("Flames"), Calvin Harris und Dua Lipa ("One Kiss"). Mit Robin Schulz (Platz 3 für "Unforgettable" mit Marc Scibilia) und Nico Santos (Platz 8 für "Safe") gelangten allerdings zwei deutsche Künstler (mit englischsprachigen Songs) in die Jahres-Top-10 der Songs mit den meisten Airplay-Einsätzen.

Fotos (auch auf der Startseite): Markus Nass

Release 9. Juli 2019