Wichtigstes Mittel um die Zukunft des Radios sicherzustellen, sind seine Mitarbeiter

Von Michael Klehm, Referent beim Deutschen Journalistenverband DJV

Die Radio-Industrie ist wie der gesamte Medienbereich im Wandel, mehr als einmal wurde sie in den vergangenen Jahren für tot erklärt. Die Hörerzahlen beweisen regelmäßig das Gegenteil. Sicher ist, dass dem digitalen Radio die Zukunft gehört. Ob dies allerdings notwendigerweise DAB+ sein muss oder mobiles Internet über den neuen 5G oder andere technologische Standards langfristig das Rennen machen werden, ist offen. Letztlich hängt dies sicherlich auch davon ab, welche Kosten der Hörer bereit ist, beispielsweise für 5G zu zahlen. Insofern können wir heute noch nicht sagen, wie wir in Zukunft Radio hören werden. Sicher ist aber, dass die sich verschärft ändernde Mediennutzung nicht nur der jungen Hörer auch den Radiomarkt tiefgreifenden Änderungen unterwerfen wird.

Eins aber ist trotz aller disruptiven Entwicklungen sicher sein, Radio wird auch in der Zukunft für den Nutzer Unterhaltung und Informationen liefern, unabhängig davon, mit welcher Technologie auf sie zurückgegriffen wird.

Die Mitarbeiter

Wichtigstes Mittel um die Zukunft des Radios sicherzustellen sind seine Mitarbeiter. Die Sender müssen sich dringend als attraktive Arbeitgeber für Berufsanfänger und gestandene Radiomacher positionieren. Anders als in den vergangenen Jahren hat die Attraktivität des journalistischen Berufes gelitten - auch die Arbeit beim Radio - ,dies belegen nicht nur rückläufige Bewerberzahlen bei Volontariaten sondern auch die vielen unbesetzten Stellen. Im Kopf um die besten Köpfe ist Radio mittlerweile leider nicht mehr die erste Präferenz. Volontäre, die eine Ausbildungsvergütung von unter 1000 € erhalten, sind eben kein Anreiz für Hochschulabsolventen. Bezahlung ist sicherlich nicht allein entscheidend, aber auch bei den sonstigen Arbeitsbedingungen ist Handlungsbedarf vorhanden. Vor allem aber müssen die Sender in die berufliche Qualifizierung ihrer Mitarbeiter investieren. Die technologische Wandel macht dies dringend erforderlich.

Mehr Vielfalt

Im Sommer 1999 verschanzte sich der Morgen-Moderator eines Hamburger Privatsenders für mehrere Stunden im Studio und spielte aus Protest gegen den "Einheitsbrei" im Radio nur noch zwei Songs, "No Milk Today" von Herman's Hermits und "Dancing Queen" von Abba. Konsequenzen hatte die Aktion für den Moderator nicht, leider änderte sich seit damals aber auch nichts grundsätzliches an der Formatierung der Sender. Die flächendeckende Ausstrahlung des immer Gleichen ist im Zeitalter von Streamingdiensten wie Spotify etc. nicht mehr zeitgemäß, die Abwanderung junger Hörer zu individualisierten Audioangeboten wird durch diese Angebote in Verbindung mit Smartspeakern extrem beschleunigt. Für klassische Radioangebote sind sie oft verloren. Dies hat unmittelbare negative Auswirkungen auf Geschäfts- und Erlösmodelle vieler Sender.

Lokales

Vor allem im Lokalen liegt die Zukunft des Radios. Angesichts sinkender Auflagen der Printmedien werden Radios zunehmend den Bedarf lokaler Nachrichten abdecken müssen. Die Zukunft wird dabei sicherlich noch stärker von integrierten Angeboten geprägt sein, die Radio, Plattformen und lokale Services anbieten. Erforderlich ist dabei allerdings auch der Wille der Verantwortlichen, die Angebote finanziell angemessen auszustatten. Ob Gewinnspiele oder 10 programmbegleitende Apps qualitativ hochwertigen Radioprogrammen immer angemessen sind, darf bezweifelt werden. Eine Rückbesinnung auf die eigentlichen Programminhalte, hochwertige Informationen, Unterhaltung, Service und Angebote für den Hörer wäre sinnvoll.

5G

Der neue Standard wird von vielen Sendern als neues Geschäftsmodell der Zukunft gesehen. Natürlich ist 5G, insbesondere 5G Broadcast, ein interessanterVerbreitungsweg für alle Inhalte - live und auf Abruf - die ein Sender herstellt. Problematisch dürfte allerdings sein, dass die neuen Kapazitäten an die Mobilfunkbetreiber verkauft wurden. Diese wollen ihre Investitionen refinanzieren und würden sich einen Teil des Invests sicherlich von den Sendern zurückholen, wenn ihre Angebote dort laufen würden. Technologisch ist 5G sicherlich ein extremer Fortschritt, ob und wann die Netze stehen ist auch Zukunft. Bis dahin werden die Sender ihre Hörer aber noch übers Net, UKW oder DAB+ erreichen müssen. DAB+ ist da und bietet trotz bestehender Mängel (Tunnel) interessante Perspektiven, die auch den Privatsendern neue Geschäftsmodelle ermöglichen sollten. Man muss sie nur nutzen.

Zur Person

Michael Klehm arbeitet seit 1992 als Referent beim Deutschen Journalisten-Verband und ist unter anderem für elektronische Medien zuständig. Er verhandelt unter anderem Tarifverträge im Bereich des Privaten Rundfunks. Als Jugendlicher hörte er Radio Veronika, heute streamt er.

Foto: Yva Klehm

Release 31. März 2020