Sonderweg des Radios in die digitale Zukunft

Von Dr. Hans Hege, ehemaliger Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg

Wer die Zukunft gestalten will, muss die Vergangenheit verstehen. Das private Radio ist bis heute von seinen Gründungsjahren geprägt, und das erleichtert nicht den Weg in die digitale Zukunft.

Radio ist ein Medium neben anderen, im Internet ein minimaler Teil eines Datenstroms, und wird deshalb auch von den Umbrüchen erfasst, die die Verfügbarkeit aller Inhalte zu jeder Zeit an jedem Ort mit sich bringt.

Und doch hat sich beim Radio mehr von der alten Welt der Besonderheit des Rundfunks erhalten als beim anderen klassischen Medium Fernsehen. UKW-Frequenzen sind nach wie vor der wichtigste Verbreitungsweg, und diese Frequenzen sind knapp und wertvoll.

Der digitale Umbruch

Fernsehveranstalter wollen Frequenzen nicht einmal mehr geschenkt bekommen, während Mobilfunkunternehmen für frühere Rundfunkfrequenzen Milliarden ausgeben, um mobiles Internet anzubieten.

Das breitbandige Internet hat die Wahlmöglichkeit der Nutzer potenziert. Die lineare Nutzung geht immer weiter zurück. Die Besonderheit der Rundfunkgeräte wird durch vielfältige Bildschirme und leistungsfähige digitale Geräte abgelöst. Innovationen kommen nicht mehr aus der Rundfunkwelt, sondern von global agierenden Technikkonzernen.

Was in der Anfangszeit des privaten Fernsehens als Gegengewicht zum kommerziellen Ansatz gedacht war, die offenen Kanäle, kommt nun mit unvergleichlich größeren Möglichkeiten über die sozialen Medien des Internets. Sie ergänzen oder ersetzen zunehmend auch die Information über Rundfunkwege.

Umso wichtiger werden neue Formen der Orientierung. Diese zentrale Funktion wird durch Suchmaschinen und soziale Netzwerke erfüllt, die global agieren, und ihren Einfluss weit über die Medien hinaus ausüben. Die Defizite, die kommerzielle Ansätze mit ihren Anreizen haben müssen, sind offensichtlich.

Aber die Lösung ist nicht mehr so einfach, wie sie das Bundesverfassungsgericht bei der Einführung des privaten Rundfunks vorgegeben hat, zugleich mit der Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus den Defiziten des privaten. Damals verfügte der Staat noch über ein von globalen Einflüssen abgeschottetes Gebiet.

Und beim Radio?

Das Radio ist das letzte Feld, auf dem sich die regionalen Strukturen der Anfangszeit weitgehend erhalten haben. Bundesweites Fernsehen wurde auch einmal regional zugelassen und mit wertvollen Frequenzen gefördert. Heute bestimmt allein der Markt die Entwicklung, die Gesellschaftsverhältnisse haben sich vielfach geändert, Konzentrationsprozesse stoßen praktisch nur an die Grenzen des Kartellrechts.

Beim Radio gibt es noch Anbietergemeinschaften aus der Anfangszeit, ein Modell, das heute niemand mehr in einer Wettbewerbslandschaft propagieren würde. Wirtschaftliche Grundlage sind nach wie vor UKW-Frequenzen.

Radio bleibt ein einfach zu nutzendes und nach wie vor beliebtes Medium, aber Aussichten auf Wachstum gibt es nicht. Das Radiogerät wird zunehmend durch das mobile Smartphone oder andere internettaugliche Geräte ersetzt. Musik und Information bekommt man in vielfältiger Auswahl über das Internet, in personalisierter Zusammenstellung.

Die eigenen Wege verlieren an Bedeutung

Natürlich lag es nahe, die Übertragung des Radios auf einem Rundfunkübertragungsweg zu digitalisieren. Erste Versuche starteten lange vor dem Internet und dem digitalen Fernsehen, auch mit dem gescheiterten Ehrgeiz, über diesen Weg zusätzliche Informationen zu verbreiten, die heute viel bequemer und effizienter über das Internet kommen. Das alte Privileg, auf einem Übertragungsweg, nämlich UKW, alle Hörer zu erreichen, ist auf jeden Fall dahin. Auch wer die DAB nutzt, kann sich nicht darauf beschränken, muss also mehrere Übertragungswege bezahlen, wie es beim Fernsehen schon lange der Fall ist.

Die eigenen Wege des Radios werden gegenüber dem Internet weiter an Bedeutung verlieren, UKW und DAB werden sich nicht mehr rechnen, zuerst in dünner besiedelten Regionen, wenn dort die schon lange vorgegebenen Breitbandziele erreicht sind.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass es weiter ein Interesse der Nutzer an Radioprogrammen geben wird, gerade wenn sie an regionalen Interessen ausgerichtet sind. Darüber darf man die Frage nicht verdrängen, ob Radio auch künftig ein eigenständiges Medium sein wird.

Kann das eigenständig organisierte private Radio überleben?

Ist es zukunftsfähig, dass Radio, Fernsehen und Internetangebote getrennt organisiert werden? Öffentlich-rechtliche Anstalten stellen sich neu auf, indem die Grenzen aufgehoben werden, frühere Verlage entwickeln sich als multifunktionale Medienunternehmen.

Das duale System kommt beim Radio in eine zunehmende Schieflage. Öffentlich-rechtliche Anstalten haben unvergleichlich höhere Finanzmittel und können Synergien heben, die privaten Radioveranstaltern versperrt sind. Die Zeiten, in denen zum Beispiel ein Informationsradio zuerst im Privatfunk gestartet ist, sind lange vorbei.

Innovationen hängen auch mit effizienter Struktur und Finanzkraft zusammen. Ein regionaler Zeitungsverlag kann sich nicht leisten, was ein Großunternehmen wie Axel Springer zum Ausgleich von Verlusten in klassischen Bereichen versucht.

Radio zu senden ist leichter als je, aber wo bleibt das Geschäftsmodell?

Andererseits: die Digitalisierung hat den Zugang zum Radio und mit ihm verknüpften Angeboten radikal erleichtert: man braucht keine Frequenz mehr, ist nicht an deren regionale Grenzen gebunden. Auch die Kosten für die Produktion sind kein Hindernis mehr. Anbieter können vielfältige Plattformen nutzen und sind nicht auf die traditionellen Vermarkter angewiesen.

Das löst noch nicht das Problem des Geschäftsmodells. Die traditionelle Werbefinanzierung des Radios setzt auf große Zahlen und Werbeverbünde. Eine Entgeltfinanzierung ist keine Chance für die klassischen Inhalte des privaten Radios. Für Musik gibt es schon marktmächtige Plattformen, aktuelle Informationen lassen sich im Internet nicht zu Geld machen.

Die Entwicklung der Podcasts zeigt die Chancen von Audioinhalten, die nicht an ein Programm gebunden sind. Aber auch hier sind es meist Synergien mit anderen Angeboten, die Chancen auf Refinanzierung eröffnen.

Der frühere Erfolg behindert den Weg in die digitale Zukunft

Es lohnt sich, die Startbedingungen des privaten Radios, die bis heute Strukturen prägen, mit den Herausforderungen der digitalen Zukunft zu vergleichen:

Die Einführung des privaten Radios bedeutete Wettbewerb für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Im privaten Rundfunk selbst aber sorgten die politischen Vorgaben fast überall für Einschränkungen des Wettbewerbs. Mit Ausnahme Berlins und der Länder mit Modellen eigenständiger Lokalradios sorgten die Verleger für Modelle, nach denen sie die neuen landesweiten Privatsender kontrollieren konnten. Werbung, die den Zeitungen hätte Konkurrenz machen können, wurde in vielen Ländern verboten.

Auch wenn es in einzelnen Ländern insbesondere im regionalen und lokalen Bereich mehr Wettbewerb gab, wurde die Branche durch knappe und wertvolle UKW-Frequenzen geschützt, während anderswo der Umbruch voranschritt.

Zunehmendem Wettbewerb kann nur standhalten, wer nicht vor Wettbewerb geschützt wird. Gegen die wachsende Nutzung von Audioinhalten über das Internet und die zu erwartende Erosion von UKW kann die Politik das private Radio nicht mehr schützen.

Die alten Vorteile verschwinden

Die regionale Aufstellung des Radios war in der Gründungszeit ein Vorteil, weil immerhin bundesweit verschiedene Modelle erprobt werden konnten und nicht überall der Wettbewerb beschränkt wurde. Auch dieser Vorteil erodiert.

Die eigene Übertragungsweg DAB schafft wenig Chancen, die Enge der UKW-Welt zu überwinden. Mit den Reichweiten von DAB oder über reines Internetradio mögen sich Nischen finanzieren lassen, sie erlauben UKW-Anbietern eine Ausdifferenzierung, eine echte Konkurrenz zu den UKW-Sendern ist nicht in Sicht. Wer in die Digitalisierung investiert, geht eher in neue Modelle als alte digital zu wiederholen.

Frequenzen auf Zeit zu vergeben und bei der Auswahl darauf zu achten, welcher Vielfaltsbeitrag zu erwarten ist, als Gegenleistung für die abweichend vom Mobilfunk kostenfreie Nutzung der Frequenz, war lange Zeit ein stimmiges Modell, besser als die Alternative der Versteigerung. Praktisch gehen die Lizenzen aber fast durchgehend an die bisherigen Inhaber.

Keinen Anreiz zu Veränderungen bietet auch das aus den achtziger Jahren stammende Modell des regionalen Zuschnitts der Frequenzen und der Vergabe durch Medienanstalten. Die regionale Vergabe von UKW behindert die Entwicklung neuer Ansätze, die sich nur bundesweit finanzieren lassen.

Theoretisch gäbe es die Möglichkeit einer bundesweiten Entwicklungsplanung für die Rahmenbedingungen des Radios, was durchaus auch lokalen und regionalen Inhalten zugutekommen könnte. Aber das ist noch keine Lösung in der Sache.

Freies Spiel der Kräfte wie beim Fernsehen und im Internet?

Die Deregulierung ist auch kein Königsweg. Man könnte die Bedingungen auf den Rundfunkübertragungswegen an das Internet angleichen, also die Befristung von Frequenzen aufheben und die Übertragung von Gesellschaftsanteilen gestatten, entsprechend dem amerikanischen Modell. Das würde zu größeren und effizienteren Strukturen führen, auch die Kombination von Radio mit anderen Diensten erleichtern. Es würde aber auch den Einstieg von Finanzinvestoren öffnen, zulasten mittelständischer Unternehmen und mit einer höheren Konzentration unter drastischem Abbau von Arbeitsplätzen. Die Verschenkung von UKW-Frequenzen hat zum Glück keine Aussicht auf Konsens. Zudem gibt es für Investoren aus deren Sicht zukunftsträchtigere und einfacher strukturierte Felder als das deutsche Privatradio.

Auf die Inhalte kommt es an

Die Zukunft des Privatradios hat manches Vergleichbare mit der Zukunft der Innenstädte. Es wird nicht zu verhindern sein, dass immer mehr Läden schließen. Die Menschen wollen aber auch attraktive Kommunikationsräume. Also müssen zusätzliche Nutzungen erprobt werden.

Jedenfalls lohnt es sich, mehr über die Zukunft des Radios zu diskutieren und nicht nur über die Durchsetzung von DAB oder den Zeitpunkt der Abschaltung von UKW. Entscheidend werden die Inhalte sein, nicht die Übertragungswege.

Release 12. Oktober 2020, 15:00

Zur Person

Dr. Hans Hege war von 1983 bis 1985 Leiter des Medienreferates beim Senator für Kulturelle Angelegenheiten in Berlin und wurde 1985 der erste Direktor der Berliner Anstalt für Kabelkommunikation, anschließend bis 2016 Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg. Er gehörte 1985 zu den Gründern der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM).

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Release 12. Oktober 2020